Zum Inhalt springen

Interview mit Fred Wissing (56) aus Borken, Fachkraft für Arbeitssicherheit im Caritasverband Ahaus-Vreden und den angeschlossenen Gesellschaften.

Von:
Christian Bödding
Fred Wissing

Seit wann sind Sie beim Caritasverband?

Seit Dezember 2022.

Erzählen Sie doch bitte etwas über Ihr vorheriges Berufsleben. Wie sah die Ausbildung aus? Was waren Ihre Berufsstationen?

Ich komme ursprünglich aus der Industrie. Ich habe zunächst eine Ausbildung zum Elektroanlageninstallateur gemacht und danach eine zweite als Energieanlagenelektroniker. Kurz nach der zweiten Ausbildung habe ich dann meinen Meister für Elektrotechnik gemacht. Mein Schwerpunkt lag immer im Bereich der Industrieanlagen – dafür sorgen, dass alles läuft, dass die Maschinen funktionieren. Die ersten Berufsjahre habe ich in einem mittelständischen Unternehmen in Velen verbracht. Dort habe ich mich weiterentwickelt, bin von der klassischen Werkstattarbeit zum Vorarbeiter bis zum Werkstattleiter aufgestiegen. Doch mit der Zeit kamen immer mehr Aufgaben dazu, die nichts mehr mit der eigentlichen Werkstattarbeit zu tun hatten. Man hat mich gefragt, ob ich den Bereich Arbeitsschutz übernehmen möchte. Erst einmal hieß es: „Mach doch mal einen Lehrgang, schau es dir an. Wenn du nach dem ersten Seminar sagst, es ist nichts für dich, ist das auch in Ordnung.“ Also habe ich es ausprobiert. Und was soll ich sagen? Es hat mich interessiert! So habe ich nach und nach meine Qualifikation aufgebaut. Irgendwann kam das Umweltmanagement dazu. „Herr Wissing, Sie machen doch schon den Arbeitsschutz – wir hätten da noch was.“ So wurde mein Aufgabenbereich immer größer. Schließlich hat man entschieden: Einer macht die ganzen Sonderbereiche – Arbeitssicherheit, Umweltmanagement, Ausbildung für gewerbliche Berufe – und einer bleibt in der Werkstatt. So bin ich zum Arbeitsschutz gelangt, sicher auch, weil ich die Herausforderung mochte.

Was hat Sie denn seinerzeit dazu bewogen, sich beim Caritasverband zu bewerben?

In meinem vorherigen Job hätte ich mich irgendwann nur noch mit Zahlen, Produktionsoptimierung und Störungsminimierung beschäftigen dürfen. Das war mir zu theoretisch. Ich hätte 90 Prozent der Zeit vor dem Bildschirm verbringen müssen. Das war einfach nicht meins. Dann habe ich mich umgeschaut: „Was gibt es noch? Wo könnte ich meine Erfahrung einbringen, aber gleichzeitig etwas Neues lernen?“ Als ich die Stelle beim Caritasverband Ahaus-Vreden gesehen habe, dachte ich: „Arbeitsschutz in der Wohlfahrtspflege? Arbeitsschutz kann ich. Aber Wohlfahrtspflege? Damit hatte ich noch nie Berührungspunkte.“ Ich habe die Herausforderung gesehen und mich beworben. Nach den ersten Gesprächen war mir schnell klar: Das ist etwas, was ich ausprobieren möchte. Und ich muss sagen, ich bin wirklich glücklich mit dieser Entscheidung.

Würden Sie es nochmal tun, also sich beim Caritasverband bewerben?

Ja, ganz klar, kann ich uneingeschränkt sagen.

Was schätzen Sie besonders an Ihrer Arbeit?

Es gibt mehrere Dinge. Zunächst einmal finde ich den Umgang miteinander im Caritasverband außergewöhnlich. Es ist nicht nur ein kollegialer, sondern auch ein wertschätzender Umgang. In der Industrie geht es oft rauer zu. Dort herrscht ein ganz anderer Druck, Entscheidungen werden schneller und manchmal auch ohne große Diskussionen getroffen. Hier nimmt man sich Zeit für den Austausch, für eine bessere Abstimmung.

Ich habe auch das Gefühl, dass die Arbeit hier mehr bei der Basis ansetzt. In der Industrie schaut man oft nur auf Zahlen. Wenn die Unfallzahlen steigen, dreht man an irgendwelchen Stellschrauben – ob die wirklich nachhaltig etwas bewirken, interessiert erst mal niemanden. Hauptsache, es sieht auf dem Papier gut aus und man erfüllt die Zielvorgaben. Beim Caritasverband geht es nicht darum, kurzfristige Effekte zu erzeugen, sondern nachhaltige Verbesserungen zu erreichen.

Können Sie das genauer erklären? Warum kann man Arbeitsschutz nicht einfach über Zahlen messen?

Nehmen wir als Beispiel die Unfallzahlen: Angenommen, wir haben 2024 insgesamt 30 meldepflichtige Unfälle – Stolpern, Stürzen, Autounfälle. Jetzt analysieren wir das, machen Kampagnen, geben vielleicht sogar bessere Arbeitsschuhe aus und machen Fahrsicherheitstrainings – und erwarten dann 2025 eine Verbesserung. Aber so einfach funktioniert das nicht. Erstens dauert es Jahre, bis sich Verhalten wirklich ändert. Ein Mitarbeiter, der seit 30 Jahren eine Tätigkeit auf eine bestimmte Weise ausführt, wird das nicht von heute auf morgen anders machen. Zweitens spielen oft mehrere Faktoren zusammen: Der falsche Schuh, ein rutschiger Boden, Ablenkung – all das führt dazu, dass jemand hinfällt. Beim nächsten Mal ist die Situation vielleicht ähnlich, aber der Mitarbeiter kann sich noch abfangen und nichts passiert. Das zeigt: Man kann die Unfallzahlen nicht einfach direkt beeinflussen. Wir können nur langfristig ein Bewusstsein schaffen und Rahmenbedingungen verbessern.

Wie wird das beim Caritasverband Ahaus-Vreden umgesetzt?
Hier versucht man, die Leute mitzunehmen. Nicht mit Druck, nicht mit „Das ist die Regel, haltet euch dran, sonst gibt’s Konsequenzen.“ Sondern mit Überzeugung. Nehmen wir das Beispiel Treppennutzung: Wir können Sicherheitsbeauftragte schulen, die ihre Kollegen immer wieder erinnern, den Handlauf zu benutzen. Wir können erklären, warum das wichtig ist. Und mit der Zeit wird es für viele selbstverständlich. In der Industrie setzt man oft auf strenge Vorgaben und Sanktionen. Wer sich nicht an die Regel hält, bekommt eine Ermahnung oder im schlimmsten Fall eine Abmahnung. Das mag kurzfristig wirken, aber es führt nicht zu einem echten Umdenken. Beim Caritasverband gibt es mehr Spielraum für Kommunikation, für einen menschlichen Ansatz. Ich glaube, dass dieser Weg langfristig erfolgreicher ist. Und genau das schätze ich an meiner Arbeit hier – dass es nicht nur um Zahlen geht, sondern um die Menschen.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag in ihrem Bereich aus?

Ein typischer Arbeitstag? Hm, da gibt es eigentlich keinen klassischen Ablauf. Jeder Tag bringt neue Herausforderungen. Wenn ich nicht direkt morgens mit einem externen Termin starte, beginne ich mit meinen E-Mails und schaue, welche Anfragen reingekommen sind. Mein Handy ist dabei immer griffbereit, denn es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht irgendeine Frage auftaucht.

Was sind das denn für Fragen?

Ganz unterschiedlich. Erst kürzlich hatte ich den Fall einer Mitarbeiterin, die nach ihrer Elternzeit zurückgekommen ist. Ihr Kind ist ein Jahr alt, sie stillt noch und wollte wissen: Kann ich meine Tätigkeit in vollem Umfang wieder aufnehmen? Gibt es Risiken? Muss ich bestimmte Vorgaben beachten? Oder werde ich eventuell weiter freigestellt? Solche Fragen sind oft nicht auf Anhieb zu beantworten. Da heißt es recherchieren, mit Fachleuten sprechen und eine Lösung finden, die sowohl den gesetzlichen Vorgaben entspricht, als auch der individuellen Situation gerecht wird.

Das klingt, als müssten Sie sich in viele verschiedene Themen einarbeiten?

Absolut. Neben solchen Einzelfällen gibt es auch ganz pragmatische Fragen. Kollegen wenden sich an mich, weil sie eine Unterweisung oder Schulung planen. Sie fragen: „Habe ich das richtig gemacht? Gibt es eine Checkliste? Können Sie mal vorbeikommen und das mit uns besprechen?“ Und genau das mache ich dann auch. Ich bin viel unterwegs, in unterschiedlichen Einrichtungen. Wir haben fast 50 Standorte und wenn ich pro Woche nur zwei Tage für Begehungen nutzen kann, komme ich allein damit schon auf rund 50 Termine im Jahr. Und dabei sind zusätzliche Besuche oder Schulungen noch gar nicht mitgerechnet.

Hört sich nach einem straffen Zeitplan an.

Ja, das ist es. Dabei muss ich immer abwägen: Wo besteht der größte Bedarf? Welche Bereiche wurden vielleicht in der Vergangenheit weniger intensiv betreut? Vergangenes Jahr habe ich mich verstärkt um die Tagespflegen gekümmert. In diesem Jahr liegt der Fokus auch auf der ambulanten Pflege. Dort kann ich zwar nicht einfach mit zu den Patienten nach Hause gehen, aber ich kann mir anschauen, unter welchen Bedingungen die Mitarbeiter arbeiten. Ich will verstehen: Wo liegen die Risiken? Gibt es Lücken im Arbeitsschutz? Oder läuft alles optimal?

Ein großes Thema ist ja auch die Sicherheit der Mitarbeitenden. Wie setzen Sie das konkret um?

Ein wichtiger Baustein sind unsere Sicherheitsbeauftragten. Das sind Mitarbeitende, die direkt vor Ort ein Auge auf den Arbeitsschutz haben. Sie sollen erkennen: Gibt es Gefahren? Werden Vorschriften eingehalten? Braucht jemand Unterstützung? Bisher lief das eher informell. Viele waren sich gar nicht sicher, was genau ihre Aufgaben sind. Deshalb habe ich im vergangenen Jahr begonnen, Workshops anzubieten. Wir klären darin: Welche Rechte und Pflichten haben Sicherheitsbeauftragte? Was müssen sie tun? Wo sind ihre Grenzen? Und vor allem: Wie können sie Probleme ansprechen, ohne in einen Konflikt zu geraten?

Wie kommt das bei den Mitarbeitenden an?

Viele sind erleichtert, dass sie eine klare Orientierung bekommen. Mir ist wichtig, dass sie sich nicht überfordert fühlen. Lieber gehe ich mit kleineren Schritten voran, aber alle sind mitgenommen und verstehen, worum es geht. Denn wenn Mitarbeiter sich unsicher fühlen oder das Gefühl haben, dass ihre Aufgabe nicht ernst genommen wird, verlieren wir eine riesige Chance. Sicherheitsbeauftragte sind sozusagen unsere verlängerten Arme. Sie sehen Dinge, die ich bei meinen Begehungen vielleicht gar nicht mitbekomme. Deshalb setze ich auf Austausch: Ich bringe Sicherheitsbeauftragte aus verschiedenen Bereichen zusammen – aus der stationären Pflege, der Beratung, der Eingliederungshilfe. Jeder erzählt, wie es bei ihm läuft, und alle lernen voneinander.

Also eine Mischung aus Beratung, Kontrolle und Austausch?

Genau. Ich bin nicht nur da, um Vorschriften durchzusetzen. Mein Ziel ist, eine offene Sicherheitskultur zu schaffen. Das funktioniert nicht mit starren Regeln von oben herab, sondern mit Zusammenarbeit, Beratung und Verständnis. Ich sage immer: Arbeitsschutz ist keine lästige Pflicht, sondern eine Verantwortung, die wir gemeinsam tragen. Wenn man das den Leuten so vermittelt, dann nehmen sie das auch an.

Welche drei Wörter beschreiben Ihre Arbeit bei der Caritas am besten?

Kommunikation, Herausforderung, Überzeugung

 

Haben Sie das Gefühl, dass Ihre Arbeit wertgeschätzt wird?

Im direkten Austausch auf jeden Fall. Es gibt eine gute Kommunikation und oft eine hohe Wertschätzung. Natürlich gibt es auch unterschiedliche Meinungen. Und ich bin jemand, der Klartext spricht. Ich komme aus der Industrie, da sind Entscheidungswege oft direkter. Wenn ich überzeugt bin, dass eine bestimmte Maßnahme richtig ist, dann argumentiere ich klar und bringe meine Punkte sachlich auf den Tisch. Ich versuche aber, niemanden zu überrollen. Ich fange mit kleinen Impulsen an, höre zu und baue darauf auf. Meistens merke ich schnell, wenn mein Gegenüber ins Nachdenken kommt und sich öffnet. Wenn jemand sagt: „Ich würde ja gerne, aber ich stoße auf Widerstände“, dann frage ich: „Wie kann ich dich unterstützen?“ Mir geht es nicht darum, mich durchzusetzen, sondern die beste Lösung zu finden – auf Basis von Fakten.

Wie sieht es mit Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten für Sie aus? 

Ich sehe es als meine Pflicht, mich ständig weiterzubilden. Arbeitsschutz ist ein dynamisches Feld, gerade in der Wohlfahrtspflege gibt es Unterschiede zur Industrie. Deshalb habe ich mir eine zweijährige Seminarreihe bei der Berufsgenossenschaft der Wohlfahrtspflege ausgesucht. Mein Ziel: in diesem Bereich richtig fit zu werden.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft Ihrer Arbeit bei der Caritas?

Mehr Feedback. Es wäre schön, wenn mir sachlich zurückgemeldet wird, was gut läuft und wo noch Luft nach oben ist. Ich nehme sehr viel wahr und habe große Gestaltungsfreiräume – das ist toll, aber manchmal wäre ein konkreteres Feedback hilfreich. Zum Beispiel haben wir mehrere Teamsitzungen für die Gefährdungsbeurteilung in der Pflege durchgeführt, um herauszufinden, wo genau die Probleme liegen. Das war wichtig, um die Basis mit einzubeziehen. Aber nun wäre es wertvoll zu wissen: Passt das so?  Es kann ja sein, dass alle zufrieden sind, dann freut mich das. Ich glaube aber, dass man immer irgendwo Punkte hat, die es zu besprechen lohnt. Wir alle sind ja unterschiedlich und nehmen alles unterschiedlich wahr.

Sie sind seit 2022 beim Caritasverband. Gibt es schon eine Anekdote, die Ihnen dauerhaft in Erinnerung bleiben wird?

Oh ja, eine Begehung, die komplett anders lief als geplant. Ich hatte einen Termin mit der Leitung einer Einrichtung vereinbart, alles war abgestimmt. Dann stehe ich dort vor der Tür – und alle schauen mich an, als wäre ich ein Vertreter, der unangemeldet reinschneit. Die Leitung, mit der ich den Termin vereinbart hatte? Nicht mehr da. Die neue Leitung? Eigentlich noch gar nicht offiziell im Dienst. Niemand wusste von meinem Besuch. In diesem Moment dachte ich kurz: „Fred, bist du im falschen Gebäude?“ Aber nein, es war einfach ein interner Wechsel, den niemand an mich weitergegeben hatte. Also setzten wir uns zusammen, sprachen eine Viertelstunde darüber, was überhaupt der Stand ist – und vertagten die Begehung auf einen neuen Termin.

Welchen Rat würden Sie Ihrem früheren Ich geben, das gerade bei der Caritas startet?

Mach dich nicht verrückt. Am Anfang war es überwältigend: So viele Einrichtungen, so viele Menschen, so viele Namen. Ich habe versucht, alles sofort zu lernen – und genau das hat mich blockiert. Dann habe ich mir gesagt: „Fred, du hast eine Liste mit Adressen, Namen, Telefonnummern. Wenn jemand anruft, schaust du nach. Und wenn du ein Gesicht mehrfach gesehen hast, merkst du dir die Person von alleine.“ Man muss sich selbst die Zeit geben, um anzukommen. Irgendwann kennt man die Leute, die Abläufe, die Strukturen. Bis dahin hilft es, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: die Sache selbst. Denn wenn du die ganze Zeit überlegst, ob du in Gronau oder Epe bist, ob das die blonde oder die dunkelhaarige Kollegin war, dann verlierst du den Fokus auf das eigentliche Thema. Also: Ruhig bleiben, reinkommen, mit der Zeit wächst alles zusammen.